Das Asana Mensch Dilemma
18. February 2016
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Natürlich ist der Titel spaßig gemeint – eine Übertreibung, denn jedem Praktizierenden und jedem Lehrenden ist klar, dass immer der Mensch nie die Asana im Vordergrund steht. Aber obwohl dies vermutlich jeder unterschreibt, ist es im Unterricht, in der eigenen Praxis und auch beim Ausbilden von Yogalehrern gar nicht immer so einfach dem Ziel gerecht zu werden, dass der Mensch und nicht die Position im Fokus steht.

In fast jedem Buch, aber auch in der Unterrichtspraxis, finden wir den umgekehrten Weg. Ganze Kapitel oder Unterrichtsstunden drehen sich um die Ausführung einer Asana. Da wird beschrieben, wie man sie einnimmt, wie man atmet, wohin der Blick geht, welche Muskeln anspannen, welche entspannen. Es wird beschrieben, wann Vorsicht geboten ist und wobei die Asana hilfreich sein könnte. Es gibt Beschreibungen von Fehlern und Gefahren. Es werden Hilfsmittel und Varianten aufgeführt, um die Asana den verschiedenen Menschen anzupassen. Und genau an dieser Stelle möchte ich gerne ansetzen. Meiner Meinung nach wäre es besser den Weg umzudrehen, d. h. zuerst zu überlegen, welche Ziele man mit der jeweiligen Asana an genau dieser Stelle innerhalb der Übungspraxis erreichen möchte und erst danach zu überlegen, wie genau diese Asana dann für den jeweiligen Menschen aufgebaut sein sollte. Ein Beispiel hierfür ist: Ich möchte einen Ruhepunkt in der Übungsreihe schaffen, während dem zusätzlich die Beinrückseite gedehnt wird. Hierfür brauche ich somit eine Asana, die die Beinrückseite dehnt und die nicht oder nur sehr wenig anstrengend ist und entsprechend mühelos länger gehalten werden kann. Der Entspannung zuträglich könnte zudem sein, wenn die Asana die Ausatmung verlängert oder dies zumindest zulässt und wenn es in der Asana möglich ist, die Augen zu schließen. Diese Asana könnte z. B. Pashimottanasana sein oder Supta Padagushtasana. Je nach Körper könnte man die Asanas mit Hilfsmitteln wie Gurt oder Decken und Blöcken anpassen. Wie genau die Asana ausgeführt wird, hängt in diesem Fall davon ab, mit welcher Ausführung ich für den jeweiligen Menschen oder mich selber meine vorher definierten Ziele besonders gut erreichen kann.

Nicht immer ist man jedoch frei seine eigenen Asanas auszuwählen und zusammenzusetzen, häufig ist man als Lehrer oder Schüler an feste Abfolgen gebunden. Aber auch in diesem Fall kann das Festlegen, bzw. das Feststellen von Zielen helfen. Möchte man z. B. festgelegte Übungsreihe wie z. B. die erste Serie im Ashtanga Vinyasa Yoga oder die Rishikeshreihe des Sivananda Yoga nutzen, sollte man sich vorher bewusstmachen, welche Ziele die einzelnen Asanas verfolgen, um die Ausführung der jeweiligen Asana so zu gestalten, dass man möglichst viele Ziele erreicht. Hierbei können folgende Fragen[1] helfen:

Was soll gekräftigt werden?

Was soll gedehnt werden?

Was soll wohin mobilisiert werden?

Soll das Gleichgewichthalten auf Händen, Füßen, Unterarmen, Kopf etc. verbessert werden?

Soll Parasympathikus oder Sympathikus angeregt werden?

Soll das Herstellen von Homöostase (Blutdruck, Herzschlag, Atemtempo etc.) beschleunigt werden?

Sollen Sinnesreize stärker oder schwächer wahrgenommen werden?

Soll die Konzentration nach innen oder außen geführt werden?

Soll die Ein- oder Ausatmung verändert werden (länger, kürzer, Atemhalt, Rhythmus etc.)?

Soll Organtätigkeit unterstützt werden?

Es gibt natürlich noch viel mehr hilfreiche und spannende Fragen, die man sich in Bezug auf Asanas und ihre Ziele stellen kann und ich werde versuchen nach und nach diese Fragen hier im Blog zu beantworten.

 

Louis Sullivan hat es besser und kürzer gesagt als ich:

Form follows function

 

 

 

[1] Alle Fragen, die feinstoffliches (Prana) aber auch die Gefühle und Gedanken betreffen, werde ich vorerst nicht behandeln, da sie nur sehr schwer von außen zu erkennen und zu steuern sind. Zudem sind auch die Fragen, die vermeintlich eindeutige westlich medizinische Inhalte betreffen, häufig weder einfach noch eindeutig zu beantworten, da es zu vielen Bereichen der Asanapraxis noch keine verlässlichen Studien gibt. Dies bleibt also auch von mir erstmal nur ein Versuch. 🙂

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4 comments

  1. 1. Mag ich keine Gurte und Blöcke. Die stören den Flow und wiegt in meiner Wahrnehmung die Vorteile beim erreichen einer Haltung nicht auf. Dann erreiche ich die eben nicht.
    2. Hast du gerade erklärt, wieso es überhaupt so viele Yogastile gibt
    3. Es hält mich doch niemand davon ab einen Ablauf nicht 100% nach Instruktion durchzuführen. Es gibt verschiedene Abläufe, wo ich je nach Tag ganz eigenmächtig eine fordernde oder luschige Variante wähle. Der Anleitende kann sich ja nicht um alles kümmern, und vor allem nicht um jeden einzelnen.

    1. Lieber Raffael,
      ich freue mich immer, dass du so schnell liest und antwortest, deshalb kommt hier meine echt ausführliche (los streichel-lob mich) Antwort 😀
      Ich habe den Blogpost oben – ohne es explizit zu schreiben – etwas mehr aus der Perspektive eines Dozenten in der Yogaausbildung geschrieben, denn aus der Perspektive des Praktizierenden. In den Ausbildungen in denen ich unterrichtet kommt es sehr häufig vor, dass die angehenden Yogalehrer viele Stunden damit verbringen zu erlernen, wie eine bestimmte Asana angeleitet und ausgeführt wird, beispielsweise (um den obigen Post aufzugreifen) Pashimottanasana. Um die Asana zu erläutern wird häufig von einer Art „Idealausführung“ entsprechend des unterrichteten Stils ausgegangen. Für Sivananda Yoga wäre es bei der sitzenden Zange gestreckte geschlossene Beine, angezogene Füße, Hände im Zangengriff um die großen Zehen, ein langer Rücken und den Kopf in Verlängerung des Rückens, mit Zugrichtung Scheitel Richtung Füße. Ob diese Ausführung von Pashimottanasana gelingt, hängt jedoch an bestimmten Voraussetzungen im Körper des Ausführenden, z. B. wie weit das Becken nach vorne gekippt werden kann, am Verhältnis von Extremitäten zueinander, an der Mobilität der Wirbelsäule, der Dehnfähigkeit der hinteren Beinmuskulatur und und und. Wenn die „richtigen“ Bedingungen nicht vorhanden sind, muss die Asana angepasst oder ersetzt werden. Nun muss im zweiten Schritt erlernt werden, woran ich als Yogalehrer erkenne, wann und warum und wie eine Asana verändert werden muss. Hier nicht nur damit der Praktizierenden bestimmte Ziele (siehe Fragen oben; Dehnung, Kräftigung, Atmungsveränderungen etc.) erreichen kann, sondern vor allem damit sich dieser nicht verletzt. Ich würde gerne genau andersherum anfangen, heißt erst schauen welche Ziele möchte ich an dieser Stelle erreichen, z. B. Dehnung der Beinrückseite und Entspannung und durch welche Asanas und Ausführungsvarianten erreiche ich dies bei einer spezifischen Person. Dies stellt mehr den Praktizierenden ins Zentrum, um man läuft nicht in Gefahr in Kategorien wie „hier ist jemand zu unbeweglich, oder zu schwach oder zu… um die Asana xyz auszuführen“. Der ausführende Mensch ist immer „richtig“ und der Unterrichtende kann kreativ auf die gegebenen Bedingungen reagieren, um Ziele zu erreichen, sei es eine bestimmte Dehnung, die Verlängerung des Ausatmens oder das Gleichgewicht auf einem Fuß.
      Dies entbindet in der realen Yogapraxis den Praktizierenden natürlich nicht davon selber Verantwortung für seinen Körper zu übernehmen. Der Unterrichtende sollte jedoch meiner Meinung nach immer genau wissen warum er was für wen anleitet.
      Das Konzept kann, auch wenn es sich etwas mehr an Yogalehrende richtet, auch auf die eigene Praxis übertragen werden, indem man selber, sehr verantwortlich überlegt warum man praktiziert und mit welchen Techniken, dies besonders sinnvoll ist.

      Zu Hilfsmitteln:
      In Yogastilen die Asanas lange halten und auch längere Pausen zwischen den Asanas besitzen, stört es meines Erachtens nicht sehr, wenn man bereitgelegte Hilfsmittel nutzt. Unter Flow verstehe ich im Kontext der Asanapraxis einen Yogastil mit Vinyasa, also mit bewegten Verbindungselemente, in dem Asanas nur kurz gehalten werden und man fließend in die nächste wechselt. Hier kann es tatsächlich störend sein Hilfsmittel zu nutzen, umso mehr sollte man als Yogalehrer wissen, wie man Unterrichtsreihen gestaltet, dass die Teilnehmenden einen Flow erreichen können ohne sich zu schaden, sein es durch körperliche Verletzungen oder durch Gefühle des Ehrgeizes oder der Unzulänglichkeit.
      Manche Ziele von Asanas (und da bin ich genau bei dem Punkt, warum ich nicht vom „Erreichen einer Asana“ ausgehen möchte) lassen sich nicht für jeden Menschen ohne Hilfsmittel erreichen. Ein deutliches Beispiel: was sage ich einem Yogapraktizierenden der sich nicht ohne Schmerzen auf den Boden setzen kann? Er soll das Sitzen einfach lassen? Ich finde es angenehmer ihm dann einen Stuhl, ein Bänkchen oder hohe Kissen zu geben, damit das Sitzen schmerzfrei möglich wird.
      Zu den Yogastilen schreibe ich ein anderes mal…sonst wird es echt zu lang… oder wir machen einfach mal zusammen Yoga 😉

      1. Ich Anworte kurz, denn aus deiner Perspektive gebe ich dir schlicht und ergreifend Recht. Letztlich wollte ich ja nur anmerken, das in einem Kurs der schon eine Weile läuft und dessen Teilnehmer hoffentlich die nötige Mischung aus Selbstverantwortung und Ehrgeiz mitbringen, deine Anmerkungen und Überlegungen im Idealfall ganz wegfallen können.
        Je therapeutischer Yog eingesetzt wird, desto notwendiger werden sie jedoch.

        PS: Die Lobereien überlasse ich aber dem bärtigen Mann 🙂

        1. Mir ist ein “a” abhanden gekommen, wofür ich mich entschuldigen möchte.