Morita, Pratyahara, Rafael und die Wäsche – Teil 2
22. January 2016
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Die Wäsche ist nun gemacht. Dabei habe ich eifrig alte drei Fragezeichen Tracks gehört und bin bestimmt viermal Teetrinken gegangen, habe kurz bei Pinterest reingeschaut und dann noch Mails gecheckt. Und die Wäsche? Drei Maschinen, gewaschen und auf der Leine.

Inspiriert durch Dich (huhu Rafael) möchte ich nun den Unterschied zwischen dem Zurückziehen der Sinne (Patanjalis Pratyahara) und der Technik Moritas, dem Handeln trotz wiederstrebender Gedanken und Gefühle, erklären. Pratyahara im Zusammenhang des Yogasutras hat das Ziel ein Schritt, auf dem Weg des Yogapraktizierens, der Erleuchtung zu sein.[1] Moritas Techniken haben das Ziel einem Menschen mit psychischen Problemen die Teilnahme am Leben und vielleicht auch Heilung zu ermöglichen. Obwohl beider Techniken für das Erreichen des jeweils anderen Ziels eingesetzt werden können, unterscheiden sie sich doch in ihrer Herangehensweise. Ich versuche es u. a. an dem „Wäscheproblem“ zu verdeutlichen.

Als Pratyahara, verstehe ich, dass man nicht mehr gezwungen ist, auf Reize / Wahrnehmungen zu reagieren. Es lässt sich leichter erlernen, wenn man sich in einem reizarmen Setting befindet, z. B. einem ruhigen Raum verweilend in einer angenehmen Sitzhaltung. Solange man jedoch nicht in einem Isoliertank liegt, gibt es Reize. Und selbst dort, wo nichts von außen kommt, gibt es Reize aus dem Inneren und Wahrnehmungen des Inneren. Um das Zurückziehen der Sinne zu üben, ist es in der Regel notwendig einen Anker für den Geist zu schaffen, der es uns ermöglicht die Konzentration auf ihn, statt auf alle anderen Reizen und Wahrnehmungen zu fokussieren. Eine Technik dies zu üben ist beispielsweise das Konzentrieren auf das Ein- und Ausströmen von Luft durch die Nasenlöcher. In dieser Meditation ist noch ein Reiz vorhanden (Luft an Haut), auf die ich reagiere (ich lenke meine Wahrnehmung auf diesen Reiz). Von allem anderen jedoch, dem Klopfen an der Tür, dem Ziehen im Knie oder auch von meinen Gedanken über die Schwierigkeit der Meditation, dem Bedürfnis aufzustehen, wende ich mich ab. Das Zurückziehen der Sinne geschieht, indem ich mich auf eine Wahrnehmung konzentriere.

Übertragen auf den Fall der Wäsche hieße es, dass ich mich ganz auf den Vorgang des Wäschewaschens konzentriere, jede meiner Handlungen genau wahrnehme, mit meiner Konzentration das Sortieren der Wäsche begleite, wie ich jedes Kleidungsstück in die Hand nehme. Beobachten wie sich meine Beine und Arme oder der Torso bewegen, um diese Handlung zu ermöglichen. Welche Gedanken kommen und mir erlauben eine Einteilung der Wäsche vorzunehmen. Wie das Waschmittel riecht, welches Geräusch es macht, wenn ich es dosiere. Die Möglichkeiten des Fokussierens sind unzählig. Das macht das Wäscheaufhängen als Übung von Pratyahara gleichzeitig leichter und schwerer (für mich). Leichter, denn es gibt noch viele Reize und Wahrnehmungen, denen ich nachgehen kann. Durch die immer wieder auftretenden Reize tritt nicht so schnell Langeweile ein. Der Geist ist beschäftigt und die Aufmerksamkeitsspanne muss nur kurz sein. Dies ist in der Regel leichter zu schaffen, als sehr lange auf einen einzigen Reiz / Wahrnehmung konzentriert zu bleiben. Gleichzeitig erschwert dieser Umstand aber auch das Zurückziehen der Sinne, denn ich muss zum einen vorher entscheiden, welche Wahrnehmungen zum Prozess des Wäschewaschens gehören und welche nicht. Zum anderen ist es schwerer zu bemerken, ob die Konzentration noch ungehindert auf jeweils einem Punkt liegt, oder ob ich abschweife. Dies fühlt sich vielleicht angenehmer an, denn ich merke das Nachlassen der Konzentration nicht so deutlich wie beim Konzentrieren auf die Luft an den Nasenflügeln, bei dem mir auf Grund der reizärmeren Umgebung mein Abschweifen schneller bewusst wird. Aber gerade das „nicht-merken“ ist ein Hindernis auf dem Weg zu Pratyahara.

Also (Rafael) bei dem Versuch Pratyahara beim Wäschewaschen anzuwenden / zu lernen, könnte man im weitesten Sinne davon sprechen das der Wäsche Aufmerksamkeit[2] gewidmet wird – aber wie sie sich fühlt? Da muss ich wohl mal nachfragen.

Zurück zu meinem tatsächlichen Prozess des Wäschewaschens, der mit dem Teetrinken und Hörspielhören. Das war kein Pratyahara. Ich habe mich aktiv beim Waschen abgelenkt. Ich habe die Wäsche in die Maschine gestopft und natürlich – da unachtsam – ein Taschentuch mitgewaschen. Eines aus Papier…. Ich habe erst beim dritten Hemd, das ich gefaltet habe bemerkt, dass die Träger noch feucht sind, und musste es wieder aufhängen. Aber obwohl ich unachtsam war, obwohl ich nicht auf den Prozess des Wäschewaschens konzentriert war, obwohl ich mich durch Reize / Wahrnehmungen habe ablenken lassen, ist die Wäsche heute fertig. So verstehe ich Morita. Weder ignoriere ich meine Gedanken und Gefühle, noch reagiere ich auf sie, sondern ich nehme sie war und mache dann, was getan werden muss. Moritas Ansatz richtet sich weniger auf den Umgang mit externen Reizen und den damit zusammenhängenden Wahrnehmungen und Reaktionen, er richtet sich auf den Umgang mit unseren (unproduktiven, kreisenden, schädlichen) Gedanken und Gefühlen. Hier rät er davon ab, sich diesen Gedanken weiter zu widmen, z. B. im Sinne der Selbsterforschung. Fragen wie „Warum habe / fühle ich …“ führe nicht zu einer Verbesserung der eigenen Situation, sondern münden häufig in noch mehr Gedanken. Selbst wenn man gedanklich Lösungen entdeckt, so verbleiben sie doch häufig eben nur Lösungsgedanken. Deshalb wird in der Morita Therapie das Handeln in der realen Welt als eine Möglichkeit des Umgangs mit unerwünschten Gefühlen und Gedanken verstanden. Ich bleibe weiterhin meinen Gedanken und Gefühlen ausgeliefert, aber nur in meinem Kopf. Denn ich handele trotz der Gedanken und Gefühle. In Fall des Wäschewaschens, der natürlich eher banal und mit wenig Leid verbunden ist: Ich bemerke meine Gedanken der Unlust, der Rechtfertigung, meiner Unlust, bemerke die Gedanken und Gefühle des Schams, dass ich Hausarbeit nicht mag, bemerke die Gedanken über bessere Organisation usw. Aber obwohl diese Gedanken vorhanden sind, wasche ich einfach nur die Wäsche. Dies mache ich vielleicht unachtsam oder unperfekt, aber immerhin: ich mache es.

Über die Handlung kann es gelingen, sich von kreisenden Gedanken und schlechten Gefühlen zu lösen. Wenn es nicht gelingt, kommt trotzdem die nächste Handlung.

 

 

 

[1] Ich drücke mich mit dieser Fußnote davor irgendeine Verantwortung für die Interpretation des Yogasutras zu übernehmen: hiermit erkläre ich ausdrücklich, dass mir bewusst ist, dass alles was ich über Patanjali schreibe, eine Interpretation ist. Eine Interpretation aus meiner Zeit, meiner Sprache und meines Kenntnisstandes heraus. Ich hoffe jetzt zieht die Yogapolizei weiter….

[2] Und liebevoll ist meine Aufmerksamkeit nicht unbedingt ;-), außer natürlich ich entscheide mich zu einer Metta Meditation.

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3 comments

  1. Ob dir die namentliche Nennung in dem Blogbeitrag eine Ehre ist, überlege ich mir noch in Ruhe …

    Das Waschen meiner eigenen Wäsche überlasse ich ja einer einer altersschwachen Maschine, die dies aber Glücklicherweise noch ganz alleine bewältigen kann. Dazu wird dieser Vorgang zumeist recht emotionslos und mechanisch durchgeführt.
    Die Einleitung des Trockungsvorgangs durch geeignete Platzierung auf der Leine kann jedoch durch Gesang oder rhythmisches Wippen in den Knien begleitet werden.
    Die Philosphie dahinter ist wahrscheinlich meine eigene. 🙂

    So erfrischend diese Betrachtung eines Alltagsvorgangs erscheint. Ich traf in meinem Leben Menschen, die tatsächlich eine Problem mit der regelmäßigen Durchführung solch hygienischer Maßnahmen haben oder hatten. Niemand davon war in dem Moment zugänglich für tiefergehende Yogaphilosophien.
    Du musst das vielleicht nochmal in einfacher Sprache verfassen.

    1. Das Beispiel war gerade bei der Hand – ich musste halt Wäsche waschen.
      Um Patanjalis Technik des Pratyaharas zu erlernen erscheinen mir wie im Text geschrieben auch andere Techniken besser als das Wäschewaschen. Beide Techniken, heißt sowohl Patanjalis Pratyahara, als auch der Ansatz der Morita Therapie richten sich zudem nicht in erster Linie an Menschen deren Einschränkung so stark ist, dass Wäsche aufhängen unmöglich wird, aber nutzbar sind sie vielleicht trotzdem: Für mich hieße es z. B. mit Migräne Wäsche aufhängen. Das geht für mich kaum, wenn doch, nur unter Verlusten, heißt Schmerzverstärkung. Moritas Ansatz ist nicht dafür gedacht körperliche Schmerzen zu verringern. Er kann aber helfen meine mit der Migräne einhergehenden schädlichen Gedanken zu begrenzen. Für mich hieße das, statt mein schlechtes und schmerzhaftes Befinden durch Gedanken von Nutzlosigkeit, Hilflosigkeit oder Ängsten über noch mehr/häufigere Schmerzen zu verstärken, diese Gedanken wahrnehmen, sie so lassen wie sie sind und mich ins Bett zu legen (eine Handlung, statt weiterer Gedanken). Die Gründe warum man gerade keine Wäsche aufhängen kann, können aber natürlich vielfältigster Natur sein und ich wollte mit dem Post keineswegs behaupten, Meditation/Konzentration (Pratyahara) oder Moritas Ansatz seien Allheilmittel. Leider…
      Migräne ist nämlich doof…..

      1. Heut morgen flogen mir noch ein paar Gedanken zu dem Thema durchd en Kopf. Damit die in selbigem nicht zur Flipperkugel werden, lasse ich sie mal schnell raus.
        Eine ernsthafte therapeutische Verwendung der geschilderten Ansätze halte ich für richtig, jedoch auch für unglaublich schwierig. Die durchaus gegensätzlichen Ansätze “Trotzdem” und “Pause” sind insbesondere bei schubweise auftretenden Beschwerden mit … nennen wir es Beeinträchtigungsspitzen schwer abzuwägen und schon gar nicht vorzuschreiben.
        Ob das jetzt eine Migräne, Rheuma oder MS ist. Da gibt es jeweils ganz sicher den Moment wo es Sinn macht abzuwarten, aber eben auch den, wo es Sinn macht sich aufzuraffen. Diesen von aussen zu erkennen und anzuraten ist jedoch schwerlich möglich. So bleibt es der Selbstverantwortung eines jeden Einzelnen überlassen.
        Was richtig ist, muss nicht einfach sein.